„Kulturhauptstadt ist ein selbstfinanziertes Stipendium“

Aktuelles, Pressemitteilungen | 5. April 2013

FDP-Fraktion erkundigt sich in Marseille über Herausforderungen des Bewerbungsprozesses

Die französische Stadt Marseille und die umliegende Region Provence ist eine der beiden europäischen Kulturhauptstädte im Jahr 2013 und damit für zwölf Monate das Zentrum kultureller Aktivitäten in Europa. Mannheim will sich für das Jahr 2025 um den Titel bewerben. Die FDP-Fraktion informierte sich deshalb vor Ort in Marseille über die Herausforderungen einer Bewerbung zur Kulturhauptstadt. Ulrich Fuchs ist der stellvertretende Intendant von Marseille-Provence 2013 und hat bereits die Kulturhauptstadt Linz im Jahr 2009 betreut. Der gebürtige Oberpfälzer ist damit Experte in Sachen Kulturhauptstadt.

Benjamin Pfleger, Ulrich Fuchs (stv. Intendanten von Marseille-Provence 2013), Dr. Elke Wormer, Volker Beisel und Pia Leydolt von CaP.CULT (v.l.n.r.)

Benjamin Pfleger, Ulrich Fuchs (stv. Intendanten von Marseille-Provence 2013), Dr. Elke Wormer, Volker Beisel und Pia Leydolt von CaP.CULT (v.l.n.r.)

Die FDP-Fraktion zeigte besonderes Interesse an der Finanzierbarkeit des Vorhabens und mit welchen Kosten man bei der Bewerbungsphase rechnen muss. Presseberichten zufolge investierte Marseille rund 680 Millionen Euro in die Infrastruktur. „Uns wurde erläutert, dass diese gewaltige Summe für städtebauliche Maßnahmen ohnehin in Marseille investiert worden wäre. Die Kulturhauptstadt diente dabei quasi nur als Beschleuniger für die geplanten Projekte“, so Fraktionsvorsitzender Volker Beisel. Insgesamt belaufen sich die Durchführungskosten für Marseille-Provence 2013 auf rund 90 Millionen Euro. Knapp 16 Prozent davon trägt die regionale Wirtschaft, die von Beginn an einer der Haupttreiber der Bewerbung gewesen sei. Für den Rest müssen sowohl die Stadt, die Region bzw. der Staat aufkommen.

„Eine Bewerbung zur Kulturhauptstadt ist definitiv keine Preisverleihung. Der gewonnene Titel ist mehr eine Art Stipendium zur weiteren Entwicklung der Stadt und der europäischen Kultur – allerdings ein selbstfinanziertes Stipendium“, so Beisel weiter. Ohne eine substanzielle Beteiligung der regionalen Wirtschaft sei eine solche Kraftanstrengung für Mannheim und die Region nicht vorstellbar. Wenn man allerdings auf private Unterstützung baue, dürfe man nicht im Vorfeld bereits die Wirtschaft mit Steuer- und Gebührenerhöhungen zusätzlich zur Kasse bitten.

Dr. Elke Wormer und Volker Beisel in Marseille

Dr. Elke Wormer und Volker Beisel in Marseille

Lokale Kulturszene fühlt sich vernachlässigt

Die Mobilisierung der freien Kulturszene vor Ort ist in der Bewerbungsphase von großer Bedeutung. Damit präsentiert man sich als pulsierendes Kulturzentrum. Das böse Erwachen für die lokalen Künstler kommt dann jedoch nicht selten mit dem Gewinn des Titels. In Marseille wurden von 2500 eingereichten Vorschlägen von lokalen Künstlern nur knapp 500 Projekte ausgewählt und im Veranstaltungsjahr finanziell gefördert. „Dass dies zu Frustrationen in der lokalen Freien Szene führt, ist nachvollziehbar. Im Bewerbungsprozess dürfen nicht zu hohe Erwartungen der Freien örtlichen Kulturszene erzeugt werden, wenn man im Anschluss deren Unterstützung für das Projekt nicht verlieren wolle“, betont die kulturpolitische Sprecherin Dr. Elke Wormer. Die europäische Kulturhauptstadt sei mehr als nur ein Schaufenster lokaler Kulturpolitik. Es ginge vor allem auch um die Weiterentwicklung und Entfaltung europäischer Kultur.

Zu lange Vorlaufzeit schadet Bewerbung

Eine Vorlaufzeit für die Bewerbung von mehr als fünf Jahren ist zu lange. Planungen zum Programminhalt dürften frühestens anderthalb Jahre im Vorfeld des Veranstaltungsjahres beginnen. Die Marketingkampagne rund um die Kulturhauptstadt sollte zudem erst sechs Monate vorher gestartet werden. „Die klaren Aussagen des stellvertretenden Intendanten von „Marseille-Provence 2013“ zur Vorlaufzeit einer Kulturhauptstadt waren sehr erhellend. Wir haben jetzt noch 12 Jahre bis zur möglichen Kulturhauptstadt für Mannheim und die Region. Erst rund sechs Jahre vorher wird überhaupt das Bewerbungsverfahren eröffnet“, so Dr. Wormer weiter. Für Mannheim müsse jetzt darüber nachgedacht werden, wie man das Projekt Kulturhauptstadt die nächsten 5-6 Jahre auf Sparflamme hält, bis man aktiv in die Planung einsteigen könne.

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