„Wahl zwischen Pest und Cholera“

Archiv, Aus der Presse | 17. Mai 2013

Familien: Ausschuss diskutiert über Erzieherinnenmangel

© Mannheimer Morgen, Freitag, 17.05.2013

Politik beginnt manchmal nicht erst in den Beratungszimmern, sondern schon lautstark vor der Tür auf den Fluren. Genau dort hatten sich gestern rund 200 Demonstranten versammelt, um vor dem Jugendhilfeausschuss für ihre Anliegen zu trommeln. Aufgewühlt hat die Eltern und Erzieherinnen im Stadthaus besonders ein Vorschlag, über den die Stadtverwaltung und die Politik hinter verschlossenen Türen beraten hatten: die Vergrößerung der Krippengruppen von zehn auf zwölf Kinder, um mit der gleichen Erzieherinnenzahl mehr Plätze zu schaffen.

„Wir fühlen uns minderwertig behandelt, wenn wir so etwas hören“, sagt eine Erzieherin. Ein Kollege ergänzt: „Wir sind es leid, immer die Sonntagsreden zu hören und das Gegenteil zu erleben.“ Falls sie wirklich noch mehr Kinder betreuen sollten, dann gehe es nur um Verwahrung, bemerkte eine weitere Erzieherin. „Dabei sollen wir die Kinder doch auf die Schule vorbereiten.“

Drinnen im Ratssaal war Bürgermeisterin Ulrike Freundlieb um Sachlichkeit bemüht. „Es gibt keinen Königsweg“, erklärte die Dezernentin. In den Vorgesprächen zwischen Verwaltung und Politik sei es zudem nie um Entscheidungen gegangen, sondern darum, ohne Denkverbote zu diskutieren.

Heftigen Widerspruch erntete Freundlieb von der Gesamtpersonalratsvorsitzenden Gitta Süß-Slania. Die Ideen „führen nur zur Verschlechterung der Standards“. Dreh- und Angelpunkt müsse aber sein, „wie kommen wir zu mehr Personal?“ Hintergrund der Debatte ist zweierlei: Einerseits fehlen massiv Erzieherinnen für die Kinderbetreuung, gleichzeitig fehlen in Mannheim hunderte Betreuungsplätze.

„Die Gruppenstärke heraufzusetzen, das können wir uns nicht vorstellen“, sagte Gabriele Thirion-Brenneisen (Grüne). Andere Vorschläge, wie die Einbindung anderer Berufe in die Erziehung, begrüßte sie. „Wir sitzen zwischen zwei Stühlen. Es ist die Wahl zwischen Pest und Cholera“, sagte Marianne Bade (SPD). Die Erhöhung der Gruppengröße sei für die SPD derzeit kein Diskussionsthema.

Nikolas Löbel betonte die Bereitschaft der CDU, „flexible Lösungen zu unterstützen“. Er griff die Bürgermeisterin an und warf ihr vor, den Gemeinderat vorzuschieben. Dafür erntete Löbel wiederum Kritik, etwa von Roland Weiß (ML). Keine Partei habe in den Beratungen das Vorgehen der Stadt kritisiert. Birgit Sandner-Schmitt wies auf die finanziellen Herausforderungen hin, die der Betreuungsausbau bringe. bro

 

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